Religion

Positionen der agah

Thema Salafismus: Vorsitzender Gülegen beim Herbstgespräch 2014 des Hessischen Verfassungsschutzes

"Wer sich selbst und andere kennt, wird erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."

(Goethe: „West-östlicher Diwan", 1819)

Die Gestaltung des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit ist spätestens in der neueren Geschichte Hessens fester Bestandteil jeglicher integrationspolitischer Überlegungen geworden. Der Islam ist nach dem Christentum die zweitgrößte Religion in diesem Land. Viele Einwanderergruppen stammen aus Ländern mit islamischer Tradition und Prägung.

Fast alle kamen als Arbeitsmigranten nach Hessen. Ihre Kinder leben inzwischen in der 2., 3. oder gar 4. Generation hier. Und es sind diese jungen Muslime, die jetzt nach und nach die Verantwortung in den muslimischen Organisationen übernehmen.

Kaum ein Thema, das die Menschen derzeit so polarisiert wie der Islam. Dem Anliegen und grundgesetzlich garantierten Recht der Muslime auf freie Religionsausübung stehen vielfach noch immer Unwissenheit, Ängste und Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Viele Muslime beklagen eine mangelnde Anerkennungskultur und Diskriminierung aufgrund ihres Glaubens, viele Nichtmuslime aber auch Menschen mit Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Herkunftsländern warnen vor der Entstehung von islamischen Parallelgesellschaften, gar einer Islamisierung Deutschlands oder befürchten den Verfall und die Aushebelung von Grundwerten und Grundrechten in einer demokratischen Gesellschaft.

Zur Religionsfreiheit gehört auch, dass es Menschen in unserem Land ohne Zugehörigkeit zu einer Religion gibt.

Einer Kultur des Misstrauens entgegenzuwirken und ein friedliches Miteinander der vielfältigen Glaubensrichtungen und weltanschaulichen Überzeugungen zu ermöglichen, ist daher auch im integrationspolitischen Interesse des Landes.

Gleichzeitig sind Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Grundrecht auf freie Religionsausübung gewährleisten, Diskriminierungen vorbeugen und die Anerkennungskultur fördern.

Die agah hat dazu eine Vielzahl von Vorschlägen entwickelt:

Rat der Muslime

Der Rat der Muslime institutionalisiert das Verhältnis zwischen Staat und Muslimen.Der „Rat der Muslime" ist die legitimierte Vertretung der Muslime auf Landesebene und Ansprechpartner der Landesregierung für religiöse Angelegenheiten. Er wird von den islamischen Gemeinden, die sich freiwillig in ein Landesregister eingetragen haben, in geheimer Wahl gewählt. Der Rat der Muslime wählt einen Vorstand und einen Vorsitzenden.

Forum „Islam"

Dem Forum sollen Vertreter der Staatskanzlei, der Ministerien, des Landtags, der agah, der Vorstand des Rats der Muslime sowie Islamwissenschaftler/innen und Theologen angehören. Aufgabe des Forums ist, Konzepte und Vereinbarungen zu entwickeln, wie der Dialog zwischen Staat und den Muslimen verbessert, das Recht auf freie Religionsausübung gestaltet und garantiert, die Religionen in Hessen gleichgestellt und die Anerkennungskultur gestärkt werden können. Zudem beraten die nichtstaatlichen Vertreter im Forum die Landesregierung in politisch-religiösen Angelegenheiten.

Rechtliche Anerkennung

Die fehlende juristische Anerkennung der muslimischen Glaubensgemeinschaften als Religionsgemeinschaften stellt einen wichtigen Hinderungsgrund für die fehlende Integration in vielen Bereichen dar. Nur damit können sie zu einem verbindlichen Gesprächs- und Vertragspartner für gesellschaftliche und staatliche Stellen werden. Viele Fragen, vom Islamischen Religionsunterricht über ordentliche Seelsorge auch in öffentlichen Einrichtungen, die Möglichkeit, auch eigene Friedhöfe zu betreiben bis hin zum Schächten, könnten damit schneller und einfacher einer Lösung nahe gebracht werden.Die muslimischen Glaubensgemeinschaften müssen daher bei ihren Bemühungen, eine rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaften zu erlangen, unterstützt werden.

Gottesdienstbesuch

Wir wollen die Änderung des § 4 Hessisches Feiertagsgesetz. Danach sollen betriebliche Notwendigkeiten nur noch im Ausnahmefall einer Freistellung zum Zwecke des Besuchs des Gottesdienstes an nichtgesetzlichen Feiertagen der Religionsgemeinschaften entgegenstehen.

Medien

Wir wollen, dass der Hessische Rundfunk nach dem Vorbild anderer Sendeanstalten ein „Wort am Freitag" anbietet. Die bereits im ZDF und SWR bestehenden Angebote sind ein richtiger und wichtiger Schritt, den Dialog zwischen den Religionen zu stärken, über den Islam zu informieren, religiöse Vorurteile bei Nichtmuslimen abzubauen und die Identifikation von Muslimen mit dem deutschen Medienangebot zu fördern.Notwendig ist jedoch ein Sendeformat an exponierter Stelle im Hauptprogramm. Hier kann und sollte der Hessische Rundfunk eine Vorreiterrolle spielen. Mit der Entwicklung und Ausstrahlung einer eigenen Sendung, eines „Wortes am Freitag", das zunächst im Hessenfernsehen, perspektivisch bundesweit im Ersten Programm, ausgestrahlt wird, würde ein wesentlicher Beitrag für ein besseres Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen geleistet.

Die Gesetze über den Hessischen Rundfunk und den privaten Rundfunk sind so zu ändern, dass jeweils ein muslimischen Vertreter/eine Vertreterin in den Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks und die Versammlung der Landesanstalt für Privaten Rundfunk in Hessen aufgenommen werden.

Seelsorge

Die Seelsorge an Muslimen in öffentlichen Einrichtungen muss gefördert werden

  • für die Bundeswehr durch ein dem Militärseelsorgevertrag vergleichbares Abkommen,
  • für die Hessische Polizei und Gefängnisanstalten mit Vereinbarungen analog derer zwischen dem Land Hessen und den Kirchen
  • in Krankenhäusern und Pflegeheimen durch Anregung und Förderung entsprechender Verträge und Infrastrukturen

Da derzeit die juristische Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes noch aussteht und damit die formalen Voraussetzungen fehlen, soll bis dahin darauf eingewirkt werden, dass die seelsorgerische Betreuung sichergestellt ist, beispielsweise durch den, bereits in einigen Anstalten praktizierten Abschluss von Verträgen.

Islamischer Religionsunterricht

Die agah begrüsst ausdrücklich die Einführung des konfessionsgebundenen Islamischen Religionsunterrichts an Hessischen Schulen. Das Angebot muss jedoch ausgeweitet werden.

Gleichbehandlung im Staatsdienst

Das Gesetz zur Sicherung der staatlichen Neutralität aus dem Jahr 2004 zielt darauf ab, die staatliche Neutralität bei allen Beamtinnen und Beamten sicherzustellen, verstößt aber gleichzeitig selbst dagegen, indem es bestimmte religiöse Symbole unter Hinweis auf die „christlich geprägte abendländische Tradition" einseitig privilegiert. Das Gesetz ist daher entweder zurückzunehmen oder aber dahingehend zu überarbeiten, dass alle religiösen Symbole u.a. in Amtsstuben und staatlichen Schulen grundsätzlich untersagt sind.

Bestattungen

Wir wollen die Unterstützung der Einrichtung von Friedhöfen oder Friedhofsteilen, auf denen Menschen nach den Vorschriften des Islam bestattet werden können. Dabei soll auch die notwendige Infrastruktur bereitgestellt werden. Das Grundrecht der freien Religionsausübung ist verfassungsrechtlich ein so hohes Gut, das auch bei der Bestattung zur Anwendung kommen muss. Nicht zuletzt soll bei der Festlegung sowie der Gewährung von Verlängerungen der Ruhezeiten die Freiheit der Religionsausübung berücksichtigt werden.


Materialien

Tagungsreihe "Muslimische Stimmen in Hessen"
2015-2016


     

Wohlfahrtspflege, Migration und Islam - eine strukturelle Herausforderung für Deutschland?

Dokumentation der Fachtagung am 14. März 2015 in Wiesbaden

     

 

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Muse e.V. -  Muslimische Seelsorge

Präsentation anläßlich der agah Plenarsitzung am 11.10.2014 in Raunheim

     


     

Salam e.V. -  Muslimische Seelsorge

Präsentation anläßlich der agah Plenarsitzung am 11.10.2014 in Raunheim

     


     

Seelsorge interreligiös

Empfehlungen für ehren- und hauptamtliche Angebote
in Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen
hrsg. von: Rat der Religionen Frankfurt am Main

     


     

Kultur und Religion

Stellungnahme der agah in der Anhörung der Enquetekommission des Hessischen Landtags "Migration und Integration" am 11.11.2011

     


     

"Die Zukunft der Muslime in Deutschland"

Dokumentation der Tagungsreihe der agah in Kooperation mit der KAV Frankfurt am 17. Mai 2008 in Frankfurt, am 25. Oktober 2008 in Wiesbaden und am 7. November 2009 in Frankfurt

     


Integrationsvereinbarung der Stadt Wiesbaden mit islamischen Gemeinden 2007


"Impulse für eine geschlechtergerechte Sozialpolitik auf der Basis jüdischer, christlicher und muslimischer Traditionen"

Empfehlungen der interreligiösen und überparteilichen Fraueninitiative "Sarah und Hagar" Rhein-Main


"Tierschutz und Schächten"

Ein Beitrag von Frau Dr. Martin, Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen, anlässlich der agah-Plenarsitzung am 08. Mai 2004


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